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Joseph Beuys

Borealis-Partitur-J.Beuys: "Versuch einer Annäherung". Das Boreal-: Anfangsperiode der nacheiszeitlichen Wärmezeit (grch-lat.). Eine Erklärung die so oder ähnlich in jedem Wörterbuch zu finden ist. Bei weiteren suchen wird der eine oder andere sogar auf die Corona Borealis stoßen und zu seiner Verwunderung feststellen, daß diese in einigen nordischen Sprachen, noch heute gesprochen, als Blumengarten bezeichnet wird. Hier könnten wir ansetzen und die geistigen und kulturellen Verwerfungen Nordeuropas in einem anderen Licht zu sehen. Es waren die Osteuropäischen Künstler, die dieses Erbe Mitte dieses Jahrhunderts als Immigranten mit in die neue Welt nahmen und dort die durch eine lange Eiszeit verschütteten Samen wieder zum Keimen brachten. Zur selben Zeit entwickelte sich ein wärmeres Klima in Europa und schon bald kamen diese selben Künstler wieder zurück in ihre kulturelle Heimat. Wie Saatguthändler brachten sie ihre neuen Ideen mit; und Beuys war sicherlich einer der ersten, der auf sie aufmerksam wurde; begierig diese Ideen in sich aufnahm und in seine Partituren einfließen ließ. Was also ist in diesem Zusammenhang eine Partitur? Zunächst ist eine Partitur ein unbewegter Gegenstand, der die Aufgabe hat die Erzeugung von Klang anzuregen und zu ordnen. Die Partitur ist zuerst das - ein Abbild einer Absicht. Ein Entwurf für eine noch nicht entgültige Gestaltung. Die Partitur kann allein aus Worten bestehen, doch sie muß die Aktion anleiten oder zur Erzeugung von Klang führen und darf nicht nur Philosophie oder Beobachtungen über das Wesen von Musik oder Werk sein. Die Partitur bei Beuys kann als Landschaftsgärtnerei, Entwurf einer Gartenlandschaft, oder aber in seiner Terminologie, Entwurf einer SOZIALEN PLASTIK sein. Ähnlich wie ein Landschaftsgärtner ist Beuys hier mit extrem komplexen Problemen konfrontiert. Wenn wir uns die Demokratie anschauen, so sind Anarchie und Chaos ihre einzigen selbstreinigenden Kräfte. Oder in den Worten von Beuys: Es gibt zweierlei Arten von Chaos. Ich arbeite hier auch mit dem Chaosbegriff. Heute wird Chaos meistens verstanden als eine gestörte Ordnung, d. h. etwas, was geordnet war fällt ins Chaos, wird ungeordnet. Aber mein Chaosbegriff  ist ein sehr ursprünglicher. Alles kommt aus dem Chaos. Die Einzelformen kommen aus einem komplexen Ungerichteten. ... Das Wörtchen "unbestimmt" paßt sehr gut auf den Chaosbegriff, wie ich Ihne anwende. Und dann sind alles andere Bestimmungen davon. Nur aus dem Chaos kann was kommen. Aber das ist ein positiver Begriff von Chaos. Hierin zeigen sich Einmaligkeit und tragische Grenze der Beuysschen Partituren. Einmalig ist der Versuch, Gesellschaft zu gestalten und sich des Risikos bewußt zu sein, auf das Ergebnis keinen Einfluß zu haben. Aber dies wird von Beuys gern akzeptiert. Das "tragische" einer solchen Arbeit ist, daß sie von ihren Entwickler auf Grund der langen Wachstumsperiode wohl nie gesehen wird. Ein entgültiges Stadium war bei ihrer Entstehung auch nicht vorgesehen. Der aufmerksame Beobachter wird sehr wohl erkennen, daß diese damals konzipierten Partituren in ihrer Wirkung auch heute noch warzunehmen sind.

 

Copyright Linus Spitzer, Berlin 1999